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Wir müssen Gemeinden verändern und stärken

30.04.2016

Es gibt zu wenig empirische Forschung zu Ferienfreizeiten, stellt Prof.Dr. Thimmel fest. Das Forschungsprojekt des Landesjugendpfarramtes sei deshalb von großem Wert.
Ferienfreizeiten sind ein wichtiges Arbeitsfeld der Kinder- und Jugendarbeit. Nicht nur bei der Evangelischen Kirche, auch bei nicht kirchlichen Jugendverbänden. So fand die Fachtagung "Ferienfreizeiten unter der empirischen Lupe" großes Interesse.

„Was ist an unseren Ferienfreizeiten positiv und kann so bleiben? Was muss geändert oder ergänzt werden?“. Mit diesen Fragen kamen viele der 110 Teilnehmerinnen und Teilnehmer zur Fachtagung des Landesjugendpfarramtes am 26. April. Überwiegend waren Mitarbeitende aus der Kinder- und Jugendarbeit der Nordkirche gekommen. Aber auch etliche Teilnehmende aus Behörden, aus anderen Jugendverbänden und anderen Landeskirchen. Denn die erwarteten Antworten sind für alle von größtem Interesse, die Konzepte entwickeln oder in die Praxis umsetzen.

Der Bedeutung der Veranstaltung angemessen, sprach Bischöfin Kirsten Fehrs ein Grußwort. Prof.Dr. Thimmel von der TH Köln steckte den strukturellen und rechtlichen Rahmen der Freizeiten innerhalb der Kinder- und Jugendarbeit ab. Er machte ihren hohen Stellenwert als non-formale Bildung deutlich. Das Forschungsteam des Landesjugendpfarramtes (Foto von links), Dr. Böesefeldt, Dr. Herrmann und Dr. Meuche, stellten die aktuellen Ergebnisse ihrer Forschung vor. Dr. Ilg, Leiter im Projekt Freizeitevaluation, berichtete über die Ergebnisse aus der Evaluation von Jugendfreizeiten und internationalen Begegnungen.

Mit großer Spannung wurden die Forschungsergebnisse des Landesjugendpfarramtes erwartet. Denn diese sind nicht nur aus wissenschaftlicher Sicht interessant. Sie haben eine enorme Bedeutung für die Praxis der Kirchenkreise und ihren Gemeinden.
Untersucht wurde, wie Bildungsprozesse auf Freizeiten durch die Teilnehmenden wahrgenommen werden. Besondere Beachtung fanden dabei die Möglichkeiten der Mitbestimmung und Selbstorganisation, die Entwicklung von Sozialkompetenz und Jugendspiritualität.
Innerhalb des Forschungsprojektes wurden 40 Kinder und Jugendliche aus Mecklenburg-Vorpommern, Hamburg und Schleswig-Holstein mit Hilfe von Leitfadeninterviews zu ihren Erfahrungen und Erlebnissen auf Freizeiten der Nordkirche befragt. Eine Vergleichsgruppe kam aus der nichtkirchlichen Kinder- und Jugendarbeit.

Stephan Groschwitz, der Vorsitzende des Deutschen Bundesjugendrings, Referent für Kinder- und Jugendpolitik der AEJ, Jonas Romann, ehrenamtlicher Campteamer aus Hamburg,  Dr. Wibke Riekmann, Uni Hamburg, Arbeitsschwerpunkt Jugendverbandsarbeit (von links) kommentieren die Vorträge der Fachtagung.
Romann kennt die Bedeutung von Ferienfreizeiten für das Engagement in der Kinder-und Jugendarbeit aus eigener Erfahrung. Er kam über Freizeiten zur Ev. Jugend Hamburg. Heute ist er dort im Vorstand engangiert und war lange auch im Vorstand des Landesjugendrings aktiv. Groschwitz findet, wir müssen uns die Bedeutung von Freizeiten wieder stärker bewusst machen. Neben der Weiterentwicklung der Freizeitarbeit, sei auch die politische Interessenvertretung wesentlich. Riekmann fordert keine Angst vor Daten, sie seien ein Beitrag zur Professionalisierung des Feldes. Forschungsergebnisse sollten in zwei Richtungen genutzt werden, für die strategische Kommunikation der Erfolge nach außen und die kritische Bearbeitung der Ergebnisse nach innen.

Bischöfin Kirsten Fehrs erinnert sich gerne an selbsterlebte Jugendreisen nach Finnland. Fremdheitserfahrung und Identitätssuche gehörten zusammen. Hätten Bedeutung fürs Erwachsenwerden. Freizeiten müssten gehalten und geschützt werden, personell und finanziell.
Prof. Dr. Thimmel (Mitte) findet, das dominante Konzept einer Leistungs- und Arbeitsgesellschaft sei absurd angesichts der gesamteuropäischen Wirtschaftslage. Wir müssten andere (Lebens-) Perspektiven eröffnen. Dennoch und gerade deshalb müsste die Effizienz von Ferienfreizeiten empirisch nachgewiesen werden.
Dr. Ilg sagt, Empirie bietet harte Daten, wenn es um Argumente gegenüber der Politik geht. Die Brücke Jugendarbeit-Kirche umgekehrt? Ferienfreizeitgutscheine als Konfirmationsgeschenk anbieten !

Die Qualitative Analyse des Forschungsteams ergab in der Auswertung vieles, das für die Konzepte und deren Weiterentwicklung sowie die Praxis Evangelischer Freizeiten wesentlich ist. Der Vortrag des Forschungsteams wurde mit Zitaten aus den Interviews illustriert. Folien zum Vortrag Leitet Herunterladen der Datei einhier.

Kinder und Jugendliche erleben auf Freizeiten eine Gemeinschaft, die sich vom Alltag deutlich unterscheidet. So sehr, dass das sonst unverzichtbare Handy überflüssig wird. Dies berichtete der 14jährige Urs im Interview, „weil wir für einander da sind, wir reden miteinander“. Kinder und Jugendlich können neue Beziehungsgefüge erfahren, geprägt von gegenseitigem Vertrauen und Offenheit. Freizeiten werden als etwas Herausragendes erlebt. Ungewohnte Aktivitäten, wie etwa Segeln, oder die Nähe zur Natur eröffnen neue Erlebniswelten. Kinder und Jugendliche erfahren auf Freizeiten Momente der Reifung und persönlichen Weiterentwicklung. Der 17jährige Nick berichtete im Interview von wiedererlangtem Selbstwertgefühl.

Mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgten die Teilnehmenden des Fachtages die Ergebnisse bezüglich der Mitarbeitenden auf Freizeiten. In zahlreichen Seitengesprächen gab es dabei einen regen Austausch.
Wichtig für das Gelingen von Freizeiten sind aus Sicht der Kinder und Jugendlichen die Mitarbeitenden in den Teams der Freizeiten. Ihre Rolle als „Entscheider“, die Vorgaben machen, stößt auf breite Akzeptanz. Gleichzeitig aber, werden Beteiligung und mögliche Einflussnahme auf Programm und Abläufe positiv erlebt.  
Mitarbeitende prägen die Stimmung und Atmosphäre der Gemeinschaft. Sie werden zum Modell für einen sozialen und wertschätzenden Umgang miteinander. Der 12jährige Tamino berichtete im Interview über seinen Teamer: „…jetzt überlege ich als erstes, was würde zum Beispiel der Quentin tun“.

Vorbildcharakter haben die Mitarbeitenden auch im Glauben und der religiösen Praxis. Nicht immer klappt die Kommunikation darüber zwischen Team und Teilnehmenden. Dennoch sind wichtige Erfahrungen möglich. Die 14jährige Felicia berichte im Interview von langweiligen Gottesdiensten in ihrer Konfirmandenzeit. Jetzt aber, in ihrer Ferienfreizeit habe sie Spaß daran und fand „diese Gottesdienste sind total berührend“.

Kinder und Jugendliche können auf Freizeiten ein Wachstum persönlicher individueller Religiosität erfahren. Dies ist ein deutliches Ergebnis des Forschungsprojekts. Aber dabei entsteht nicht zwangsläufig eine Verbindung zur institutionalisierten Kirche, der Gemeinde vor Ort. Die 14jährige Felicia findet die Gottesdienste ihrer Freizeit eine gute Sache, „da das nicht sehr kirchlich ist“.

Auf diesem Hintergrund hält das Forschungsteam eine gemeinsame Entwicklung für erforderlich von „institutionalisierter Kirche und den (individuellen) religiösen ´Experimentier- und Spielwiesen` der Kinder und Jugendlichen“. Sonst käme die Institution Kirche in die Situation selbst zur Individualisierung von Glauben beizutragen. Es gehe deshalb nicht darum Gemeinden zu stärken, sondern darum Gemeinden zu verändern und zu stärken.

Diese These beschäftigt viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Fachtagung in den Pausengesprächen.
Wenn eine Bindung an die Institution Kirche nicht stattfindet, wie ist das zu bewerten? Muss eine Freizeit dies leisten? Wenn ja, wie kann dieses Problem gelöst werden? Und wessen Aufgabe ist das?

Eine Diakonin aus Hamburg ist sich sicher: „Bei uns begegnen Kinder und Jugendliche Jesus, lernen den Christlichen Glauben kennen. Das ist unsere Aufgabe, nicht das Generieren von Kirchensteuerzahlern. Die Gemeinden müssen sehen, wie sie dieses Potential nutzen.“  Nicht alle, die mit ihr die Kaffepause teilen, sind ihrer Ansicht. Einige aber nicken zustimmend.

Ein Kollege aus dem Holsteinischen freut sich über die Ergebnisse der Freizeitevaluation von Dr. Ilg. Denn seit Jahren muss er mit seinem Kirchengemeinderat um jede Teamerin und jeden Teamer kämpfen. Dort werden nur die zusätzlichen Kosten gesehen.
Für Ilg aber steht eindeutig fest, der Betreuungsschlüssel einer Ferienfreizeit ist ein Indikator für Qualität. Denn mit der Anzahl der Mitarbeitenden steigt der Umfang der „wünschenswerten pädagogischen Effekte“. Wobei es nicht nur um die reine Anzahl geht. Die Qualifikation der Mitarbeitenden und des Konzepts spielen eine Rolle. Bemerkenswert ist auch Ilgs Feststellung, dass mit der Zahl der Teamerinnen und Teamer  die Bereitschaft steigt, selbst bei Freizeiten mitzuarbeiten. „Erlebte Qualität macht offensichtlich Appetit auf eigenes Engagement.“ Argumente, die den Kirchengemeinderat des Kollegen aus dem Holsteinischen überzeugen könnten.

Wir müssen weitermachen“, stellt der Referent der Ev. Jugend Hamburg, Siegmar Grapentin in einem kurzen Statement zum Abschluss fest. Er meint damit die deutlich gewordene Unverzichtbarkeit der Ev. Ferienfreizeiten sowie die Notwendigkeit ihrer wissenschaftlichen Begleitung.

Folien zum Vortrag des Forschungsteams hier

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